Tischtennis noch “zeitgemäß”

Relegation 2018

Auch ich kann die Unzufriedenheit mit der Beteiligung an der Kreisrelegation, die in der aktuellen Form ja ganz klar seine Begründung und Berechtigung hat, absolut nachvollziehen. Es wird dadurch für die Zukunft sicher nicht einfacher, jedes Jahr Ausrichter für diese Veranstaltung zu finden.

Andererseits denke ich, dass man berücksichtigen muss, dass man gerade auf Kreisebene eine Mischung zum einen aus Mannschaften hat, die sportlich ambitioniert sind und sich über Aufstiegsmöglichkeiten freuen und zum anderen aus Mannschaften, für die das wöchentliche Treffen der Spieler einer Mannschaft zu den Rundenspiele im gewohnten Vereinsumfeld mit gemütlichen gemeinsamen Stunden nach den Spielen mindestens genauso wichtig ist wie die sportliche Entwicklungsmöglichkeiten. Zudem haben wir gerade in manchen Mannschaften / Vereinen in den unteren Klassen manchmal dünne Personaldecken (durch geringe Spielerzahl, hohem Altersschnitt und/oder auch berufliche / private Beanspruchung von Spielern), was vielleicht in der gegenwärtigen Spielklasse noch recht gut verkraftet werden kann, in der nächsthöheren Spielklasse aber leicht dazu führt, zum Kanonenfutter zu werden (was den wenigsten Spaß macht). Von daher wundert es mich nicht, dass viele Dritt-, Viert- oder gar Fünftplatzierte nur wenig Interesse haben, sich mit der Möglichkeit eines Aufstiegs zu beschäftigen. Ich würde es angesichts dessen nicht für einen guten Weg halten, solche Mannschaften gegebenenfalls zur Teilnahme an Relegationsspielen zu verpflichten. Im Endeffekt könnte das über die Strafgelder fürs Nichtantreten nur zum Aufpolieren der Kasse der TT-Kreises führen.

In unserem Fall von Glauberg war es übrigens so, dass die beiden Mannschaften nur deshalb für die Relegation bereitstanden, weil sie nicht unbedingt vor dem letzten Spieltag damit gerechnet hatten, einen Relegationsplatz zu erreichen und es dann verpassten, abzusagen. Gerade bei Glauberg 3 besteht absolut kein Aufstiegswunsch.

Eine Lösung für die Thematik habe ich nicht. Eine Entscheidung über das Punkte-/Spieleverhältnis von Gleichplatzierten in der Abschlusstabelle der parallelen Gruppen wäre eine Alternative zur Relegation, wird aber im Streitfall sicher dazu führen, dass dann mit unterschiedlicher Spielstärke der parallelen Gruppen argumentiert würde  selbst wenn man noch den TTR-Schnitt der beteiligten Mannschaften in der Entscheidung mit berücksichtigen würde. Für eine dezentrale Austragung der Relegation mit Vor- und Rückspiel bei den betroffenen Vereinen fehlt wahrscheinlich nach der Runde die Zeit.

Zum Thema Stellenwert des Wettkampfsports:

Wir müssen hier meiner Meinung nach die Kirche im Dorf lassen, auch wenn gerade ihr, die ihr  zum Glück – eure Zeit auch noch als ehrenamtliche Funktionsträger dem Tischtennissport opfert, schon von Mandats wegen nicht einfach so hinnehmen könnt (sonst wärt ihr fehl an eurem Platz): Gerade auf Kreisebene ist es eher ein Hobby, das sich anderen Prioritäten wie Beruf und Familie unterordnet als ein identitätsstiftender Lebensinhalt, der immer oberste Priorität genießt.

Man muss auch berücksichtigen, dass Tischtennis  anders als z. B. Fußball  auch im Wettkampfbetrieb ein Lifetime-Sport ist (sonst wäre das jetzige Ligensystem mit der jetzigen Anzahl an Ligen absolut undenkbar!), in dem die meisten Spieler nur dann bis ins hohe Alter spielen, wenn sie sich in der Mannschaft / im Verein wohl fühlen. Man nimmt in Kauf, dass man mit 60 nicht mehr die Leistung bringt wie mit 50 und mit 70 nicht mehr so wie mit 60. Dennoch sind viele bereit, den Wettkampfbetrieb so lange zu unterstützen wie es körperlich geht – auch wenn der sportliche Ehrgeiz nicht mehr im Vordergrund steht und wenn man nicht mehr bis an die Grenze geht.

In Zeiten, in denen zudem häufig über Burnout im beruflichen Umfeld gesprochen wird, ist es auch nicht jedermanns Sache, sich regelmäßig der nervlichen Anspannung von Wettkampfspielen an der Grenze des jeweiligen Leistungslimits zu stellen (erst recht nicht zu unchristlichen Spielzeiten unter der Woche um 20.30 Uhr mit einer halben Stunde oder mehr Anfahrt, bei denen man manchmal erst weit nach Mitternacht nach Hause kommt und man am nächsten Tag unausgeschlafen wieder seinen Mann stehen muss im Beruf). Wenn schon als Wettkampfsport, dann vielleicht auch mal mit einem Gang zurückgeschaltet (Comfort Zone). Relegation, Pokalspiele oder gar Turniere zusätzlich zur Punktrunde fehlen einem da nicht unbedingt.

Sport ist vielmehr für viele vor allem ein Ausgleich zur wie auch immer gearteten Belastung im Berufsalltag. Ich denke nicht, dass uns dabei die Klage über den Verlust von Werten der guten alten Zeit weiterhilft. Wir haben nicht mehr die Lebensbedingungen wie vor 30, 40 oder 50 Jahren, als die Babyboomer, die das Gros der aktiven Spieler ausmachen, aufwuchsen mit geregelter 5-Tage-Woche und 8-Stunden-Tag von 7 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags, mit Lehre und Job in relativer Nähe zum Wohnort, mit Müttern/Frauen allzeit verfügbar und ohne eigene zeitliche Bedürfnisse zuhause den Männern den Rücken freihaltend, und den Wettkampfsport im Verein als einziger Möglichkeit kennenlernend, sich sportlich zu betätigen. Zeitlich flexible unabhängige sportliche Freizeitgestaltung ist für viele eben wichtig, um überhaupt sportlich aktiv sein zu können. Unregelmäßigere Arbeitszeiten sind da ein Nachteil für sportliche Betätigungen wie Tischtennis, die feste Trainingszeiten an festen Orten erfordern. Das können am ehesten noch Vereine beeinflussen, die nach Belieben über eigene Hallen verfügen können.

Mein Fazit: Lieber 10 Mannschaften mehr mit Spielern, die ihren Sport nicht mehr ganz ernst nehmen als 10 Mannschaften weniger. Weniger Mannschaften werden es nach und nach sowieso. Nach und nach werden wir uns angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (demographische Entwicklung, zunehmender Altersschnitt in den Vereinen, geringere Bindung von jungen Spielen nach der Jugendzeit an den Heimatort/-verein speziell in ländlichen Gegenden, Flexibilisierung Arbeitszeiten, geringere Bereitschaft zu wettkampf-/vereinsorientiertem Sport, &.) denke ich darauf einstellen müssen, dass wir nach und nach wenn die Babyboomer ihre Aktivität aufgeben auf Kreisebene in der einen oder anderen Spielklasse eingleisig werden (würde die Notwendigkeit für eine Relegation beseitigen) oder von unten nach oben Spielklassen auflösen oder als Zwischenmaßnahme in mehr Spielklassen auf 4er-Mannschaften umsteigen müssen. Ich sehe darin aber kein tischtennisspezifisches Problem, sondern vor allem die Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung. Man muss die Entwicklung nicht gut finden, ich bedauere es selbst auch etwas. Sie ist aber nun mal da. Dem kann man nur versuchen, mit der Attraktivität des Vereinsangebots entgegen zu wirken. Bei der neutralen Öffentlichkeit habe ich weniger Bedenken, die liest vielleicht die Ergebnisse in der Zeitung. Alles andere kriegen Außenstehende nicht unbedingt mit.

Andreas Klöppel
FSV Glauberg